Kaum ein Lebensmittel kommt mehr ohne einen Hinweis auf seine Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit aus. Doch wie sieht es wirklich aus mit den Versprechungen, können Lebensmittel die Gesundheit fördern? Lilian Thau hat sich mit dem Lebensmittelchemiker Proessor Doktor Thomas Henle unterhalten.
Purzelpfund.de: Was versteht man unter funktionellem Essen?
Prof. Dr. Thomas Henle: Vor dem Hintergrund eines gesteigerten Gesundheitsbewußtseins in der Bevölkerung nehmen in jüngster Zeit vor allem Aspekte gesundheitsorientierter Vermeidungsstrategien eine besondere Bedeutung ein: Ausreichende Versorgung mit Nährstoffen, weniger Fett und Salz als Gesundheitsprophylaxe und so weiter. Parallel dazu tritt zunehmend ein Interesse an einer “aktiven positiven” Beeinflussung der Gesundheit, ein Trend, der sich zum Teil im Begriff “Functional Food” wiederfindet.
Unter Functional Food werden pflanzliche oder tierische Lebensmittel verstanden, die Wirkstoffe enthalten, welche nicht mehr im engeren Sinne nutritiv, sondern präventiv gesundheitsfördernd sind oder zum Beispiel antimikrobiell, prä- oder probiotisch, knochenfestigend, antioxidativ, immunstimulierend, anticancerogen wirken sollen.
Purzelpfund.de: Ist Functional Food eine neue Erfindung oder gibt es Lebensmittel mit gesundheitsfördernden Zusätzen schon länger?
Prof. Dr. Thomas Henle: Prinzipiell ist Functional Food keine “echte” Neuerfindung. Lebensmittel mit “gesundheitlichem Zusatznutzen” gab es schon immer. Das reicht von althergebrachten Hausmitteln wie etwa “heiße Milch mit Honig” bei Erkältungskranheiten
oder der “heißen Zitrone” zur Vorbeugung gegen Schnupfen bis hin zu Lebertran als Vitamin D-Lieferant. An sich wäre ja bereits “Vollkornbrot” ein “functional food”. Neu im engeren Sinne ist die gezielte “Funktionalisierung” von Grundnahrungsmitteln, wie etwa die Anreicherung von Brot mit Omega-3-Fettsäuren, und damit das in den Vordergrundrücken des “Zusatznutzens” im Rahmen der täglichen Ernährung.
Purzelpfund.de: Gibt es tatsächlich Beweise dafür, dass Functional Food gesundheitsfördernd ist?
Prof. Dr. Thomas Henle: Klipp und klar: Ja. Es würde an dieser Stelle jetzt zu weit führen, einzelne Beispiele mit den dazugehörigen wissenschaftlichen Studien aufzuzählen. Generell muß man natürlich sehr genau hinschauen und den Einzelfall prüfen. Eine generelle Pauschalisierung etwa im Sinne “Functional Food nützt eh nix” ist ebenso wenig richtig wie der Umkehrschluß. Entscheidend ist das jeweilige Produkt, und das, was man damit machen will.
Purzelpfund.de: Suggeriert Functional Food dem Verbraucher nicht einen einfachen Weg sich bequem und einfach zu ernähren? Können diese Nahrungsmittel ungesunde Ernährung wett machen?
Prof. Dr. Thomas Henle: Funktionelle Lebensmittel können keinesfalls eine ungesunde Ernährung – hier verstanden hinsichtlich der benötigten Nährstoffe und der Menge beziehungsweise des Energiegehaltes ausgewogene Ernährung – und generell ungesunde Lebensweise wettmachen. Eine echte “Gefahr” der Verbraucherfehlinformation hinsichtlich möglicher gesundheitlicher Konsequenzen sehe ich jedoch nicht.
Ich denke eher, dass durch funktionelle Lebensmittel, die ja als “höherwertige” Lebensmittel in einem höheren Preissegment angesiedelt sind, in bestimmten Verbraucherkreisen sogar eine Art “Wiederentdeckung” bestimmter Lebensmittelgruppen zum Beispiel Milchprodukte, Backwaren, Mineralwasser, und eine Abkehr von möglicher einseitiger Ernährung erfolgen könnte.
Purzelpfund.de: Warum ist Functional Food soviel teuer als “normale” Lebensmittel?
Prof. Dr. Thomas Henle: “So viel teurer” sind funktionelle Lebensmittel nicht, insbesondere wenn man bedenkt, dass Lebensmittel generell heute so billig sind wie nie zuvor. Der Anteil am Einkommen, der für Lebensmittel ausgegeben wird, ist derzeit extrem niedrig. Milch kostet heute weniger als vor 20 Jahren. Ein höherer Preis wird zum Teil auf die wissenschaftliche Entwicklungsarbeit zurückzuführen sein. Andererseits müssen auch Lebensmittelbetriebe Geld verdienen. Warum kostet wohl ein BMW mehr als ein VW?
Purzelpfund.de: In den USA und Japan boomt der Trend mit Produkten wie Schokolade gegen Herzinfarkt. Könnte es solche Produkte bei uns in Zukunft auch geben?
Prof. Dr. Thomas Henle: Ja, aber mit erheblichen Einschränkungen. Das deutsche Lebensmittelrecht – übrigens die strengste Lebensmittelgesetzgebung der Welt – verbietet an sich Werbung mit Gesundheitsbezug zur Abgrenzung von Lebensmitteln gegenüber
Arzneimitteln. Konkrete Aussagen wie “Schokolade gegen Herzinfarkt” wird es also bei uns nie geben. Erlaubte Werbeaussagen sind bei uns eher unspezifisch, wie “fördert die Abwehr” oder “schützt den Kreislauf” und auch nur dann erlaubt, wenn konkrete wissenschaftliche
Belege existieren.
Purzelpfund.de: Müssen Functional Food-Produkte wegen ihre Zusätze nicht vielleicht stärker kontrolliert werden und Warnhinweise angebracht werden? Neuere wissenschaftliche Studien zeigen, dass Beta-Carotin in isolierter Form bei starken Rauchern und Menschen mit Herz- und Kreislauferkrankungen Gesundheitsschäden verursachen kann.
Prof. Dr. Thomas Henle: Die bestehende Kontrolle reicht vollkommen aus. Gerade das Beispiel Beta-Carotin zeigt ja, dass Risiken erkannt werden. Im übrigen sollten sich starke Raucher keine Sorgen vor Risiken durch Lebensmittelinhaltsstoffe machen, das Risiko
durch das Rauchen per se ist so hoch dass Raucher an sich alles essen dürfen.
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