Der Name Allen Carr dürfte allen, die mit offenen Augen durch Gesundheitsabteilungen der Buchhandlungen gehen, ein Begriff sein. Schlagzeilen machte der Engländer 1992 mit seinem Buch “Easy Way to stop smoking” (Deutscher Titel: Endlich Nichtraucher!) die Methode veröffentlichte, mit der er selbst (angeblich) schon im Jahr 1983 das Rauchen aufgegeben hatte. Dabei sollten die Leser durch eine Art positiver Gehirnwäsche, so Carr selbst, zum Weglegen der Glimmstängel bewegt werden.
Das Buch wurde ein riesiger Erfolg und Allen Carr wurde zum Universalheiler, der nun auch mit “Endlich ohne Alkohol”, “Endlich Sorgenfrei”, “Endlich fliegen ohne Angst” und “Endlich erfolgreich” seine eigenen und die Kassen der Buchhandlungen zum lauten Klingeln brachte. Und natürlich befasste sich Carr auch mit einem noch einträglicheren Thema - “Übergewicht” - Der Titel des Buches ist… na wie schon… “Endlich Wunschgewicht”.
Der Untertitel eben dieses Buches lautet “Der einfache Weg, mit Gewichtsproblemen Schluß zu machen” und der Klappentext verspricht “Schluss mit Jojo-Effekt” und “keine Vorschriften und Verbote”. Das klingt an sich ja schon traumhaft und war Grund genug für die Purzelpfund-Redaktion, das Buch von Allen Carr einmal genauer unter die Lupe zu nehmen - schließlich weiß man ja nie, wo der bahnbrechende Anstoss zur mühelosen Gewichtsreduktion herkommt.
In den ersten Kapiteln des Buches nimmt Carr allzu häufig “Anleihen” bei seinem eigenen Werk zur Raucherentwöhnung und stellt die Sucht eines Rauchers mit der eines Übergewichtigen - nämlich zu viel zu essen - gleich. So heißt es an einer Stelle:
Zwischen Rauchen und Essen gibt es sehr enge körperliche und geistige Verbindungen; noch mehr Ähnlichkeiten bestehen ziwschen dem Rauchenaufhören und dem Abnehmen. Beide, sowohl Raucher als auch Übergewichtige, leiden unter einer Art Schizophrenie und vollführen einandauerndes Tauziehen in Ihrem Kopf.
Leider hinkt dieser Vergleich gewaltig. Leben ohne Rauchen kann perfekt funktionieren, Leben ohne Essen jedoch nicht. Essen ist im Gegensatz zur “Vergnügungssucht” Rauchen ein absolut lebensnotwendiger Vorgang, der bei Übergewichtigen Menschen aus den verschiedensten Gründen aus dem Ruder gelaufen ist. Essen kann man eben nicht aufhören, sondern lediglich anders gestalten. Außerdem wird es für Nichtraucher mit fortschreitender Lektüre immer nerviger, dauernd darauf hingewiesen zu werden, wie toll man mit Carrs anderem Buch das Rauchen aufgeben kann. Insofern ist die Lektüre des Buches zu einem Drittel Zeitverschwendung, es sei denn, man will gleichzeitig das Rauchen aufgeben und abnehmen.
Allen Carr geht von der These aus, dass der Mensch von einem “Schöpfer” erschaffen wurde, und dass dieser “Schöpfer” auch eine “Bedienungsanleitung” für die richtige Ernährung seines Geschöpfes hinterlassen hat. Der Mensch müsse sich nur auf die Natur besinnen und die Gehirnwäsche, der wir alle durch Eltern und Werbung unterliegen, überwinden, um zu erkennen, dass es nur eine richtige Art der Ernährung für den Menschen gibt, nämlich das, was uns die Natur vorgibt. Der Gorilla dient hier als als Vorbild - Gorillas ernähren sich von Blättern und Früchten und strotzen trotz fleischloser Ernährung vor Kraft und Gesundheit. Folglich ist die vom Schöpfer für den Menschen empfohlene Ernährung vergleichbar mit der eines Gorillas.
Deutlich tritt Carrs “Gehirnwäscheprinzip” hier zu Tage: Gebetsmühlenartig wird wiederholt, dass man nach Carrs Methode soviel von seinem Lieblingslebensmittel zu sich nehmen kann, wie man nur will und sich trotzdem gesund ernährt und Gewicht verliert.
Sie können so viel von Ihrer Lieblingsnahrung essen, wie sie wollen, sooft Sie wollen, und genau das Gewicht haben, das Sie sich wünschen, ohne nach einer Diät leben zu oder spezielle Übungen machen zu müssen und ohne den Einsatz von Willenskraft oder Hilfsmitteln und ohne sich schlecht zu fühlen oder ein Verlustgefühl zu empfinden.
Ach ja, Lieblingsnahrung. Wenn Ihr Lieblingsessen Pomme Frites oder Schweinebraten sind, dann haben Sie trotzdem Pech, irgendwie zumindest. Denn, Gehirnwäsche zweiter Teil, parallel dazu wird dem Leser eingetrichtert, dass das Lieblingsessen des Menschen von Natur aus Obst und Gemüse ist.
Beim Betrachten aller Beweise hoffe ich, daß klar ersichtlich ist, dass die für den Menschen geschaffene Nahrung frisches Obst ist, ergänzt durch Nüsse, Gemüse, Getreide und bestimmte andere Pflanzen.
Alle verarbeiteten Lebensmittel, ebenso wie Milchprodukte und Fleisch sind verpönt, aber im gleichen Atemzug wird immer wieder betont, dass es keine Vorschriften und Verbote bei der Anwendung der Allen Carr Methode gibt.
Was am Ende herauskommt ist eine spezielle Art von Trennkost, die auf folgenden Richtlinien beruht:
Zum Frühstück wird nur Obst gegessen. Obst darf nicht mit anderen Lebensmitteln und Eiweiß nicht mit Kohlenhydraten kombiniert werden. Pro Mahlzeit ist nur ein konzentriertes Lebensmittel (= alles außer frischem Obst und Gemüse) gestattet. Gemüsesorten mit hohem Wassergehalt können mit Eiweiß oder Kohlenhydraten kombiniert werden. Zudem sollen nach Möglichkeiten alle Lebensmittel unverarbeitet verzehrt werden.
Laut Mr. Carr ist dies die Bedienungsanleitung für die gesunde menschliche Ernährung, wobei Ausnahmen (Fleisch, Fastfood, Schokolade) selbstverständlich erlaubt sind - aber eben die Ausnahme bleiben sollen, um die Abnahme nicht zu gefährden, bzw. eine Zunahme zu verhindern.
Fazit:
Aus der Sicht von Purzelpfund liegt hier nicht der große Wurf in Sachen “Weg zum Wunschgewicht” vor. Die Regeln sind kompliziert, und die Kombinationsmöglichkeit der Lebensmittel ist so stark eingeschränkt, dass “normale” Mahlzeiten nicht möglich sind, insofern handelt es sich doch um einen ganz erheblichen Eingriff in bestehende Ernährungsgewohnheiten. Wer viel Obst und Gemüse isst und auf Fleisch und Schokolade verzichtet nimmt automatisch weniger Kalorien zu sich als vorher und wird dadurch auch Gewicht verlieren, es ist nur fraglich, ob solch strenge Regeln für eine lebenslange Ernährungsumstellung, die zur Vermeidung eines Jojo-Effekts nötig ist taugt. Es wird hier durch ein zugegebenermaßen gutes Marketing versucht einen alten Hut im neuen Gewand zu verkaufen - alles in allem nicht sehr überzeugend.
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